MARS

Blood Is The Food Of The Gods

Label: Lichterklang
Format: CD (Digipak), Ltd. Ed. 250
Spieldauer: 51:50 min
Veröffentlichung: Mai 2014

„To fall – Not to fly is the law.“

In einer Verdichtung des Ikarus-Mythos erzählen MARS in ihrem aktuellen Album „Blood is the Food of the Gods“ die Geschichte eines tragischen Sturzes. In gewisser Weise auf den Spuren Nietzsches, bringen Marcus S. (Vocals, Percussions) und Oliver F. (Vocals, Gitarre) dabei Musik und Tragödie erneut näher zusammen und verweisen damit auf die Dramatik der Geburt als antithetischem Kontrapunkt zu Ikarus’ Fall. Hinter diesem Spiel, mit den ineinander verzahnten Momenten von Hybris und Scheitern, verbirgt sich dabei auch eine Kritik an der fortschrittsoptimistischen Meistererzählung der Moderne, die MARS jedoch jenseits der – klugen und doch gleichsam zum infiniten Regress neigenden – Dialektik von Aufklärung und Gegen-Aufklärung bzw. Moderne und Postmoderne, ästhetisch eigenständig reflektieren. Um der ausweglos erscheinenden Spirale aus ökonomischer Forschrittgläubigkeit und technologischen Superlativen einen produktiven Kontrapunkt entgegenzusetzen beziehen sich MARS dabei auf ein durchaus heterogenes Netz aus intertextuellen Verweisen, die – von der bereits erwähnten antiken Ikarus-Erzählung – neben Cormac McCarthy, Yukio Mishima über Rudyard Kipling und W.B. Yeats bis hin zu Jules Verne reichen.

So wie MARS unterschiedliche literarische Traditionslinien miteinander vermitteln, verbindet „Blood is the Food of Gods“ auch unterschiedliche musikalische Stilrichtungen: Ausgehend vom Folk, und immer wieder auf diesen zurückverweisend, vereinen MARS rituelle Elemente mit dynamisch post-metallischen Versatzstücken, in denen das akustische Klangspektrum auch um verzerrte E-Gitarren erweitert wird. Kontemplative Momente und düstere Spoken-Words durchdringen dabei die fordernd und eindringlich vorgetragenen Folksongs, deren fast zeremonielle Atmosphäre durch treibende und minimalistische Schlagwerk-Arrangements gerahmt wird. Beide Stimmen, ob solo oder zweistimmig eingesetzt, liegen dunkel und bedrohlich über den Kompositionen – beschwörend, entschlossen, teils gespenstisch flüsternd. Die Gitarrenarbeit aber auch der aggressive Grundtenor des Albums verorten MARS dabei ästhetisch nicht etwa im europäischen Neo-Folk, sondern in einer eher amerikanischen, und von Künstlern wie Johnny Cash oder Leonard Cohen geprägten, Spielart des Folk, die auch Rock-Elemente integriert (Cult of Youth, King Dude, Roses Never Fade). Vereinzelte im Hintergrund angeordnete Ambientes und Chöre vervollständigen die dichte und hermetische Stimmung des Albums, in der Tragödie und Musik von Song zu Song, scheinbar unausweichlich, immer weiter auf einander zusteuern, schlafwandlerisch von einander angezogen werden, bevor „Blood is the Food of the Gods“ im letzten Stück im Sturm untergeht und Ikarus unter den Wellen begräbt.

MARS haben „Sons of Cain“ (2012) und „Sacrifice“ (2013) erneut ein Album vorgelegt, das ihre besondere Stellung in der deutschen Folk-Szene bestätigt und weiter festigen wird. Zusammen mit dem liebevoll gestalteten Artwork das die nuancierte, aber dennoch ursprüngliche, Produktion des Albums großartig antizipiert, ist MARS mit „Blood is the Food of the Gods“ ein großer Wurf gelungen, dem hoffentlich die Umkehrung des eignen Prinzips widerfährt: „To fly – Not to fall is the law.“

Patrick Kilian